Wölfe in Sachen

BesenderungDie Radiotelemetrie ist eine in der Wildtierforschung weit gebräuchliche wissenschaftliche Methode zur Gewinnung von Erkenntnissen über Raum-Nutzungsmuster, räumliche Ausbreitung und Lebensweise freilebender Tiere. Auch ist die Besenderung nützlich bei Managementmaßnahmen, beispielsweise bei der Überwachung eines Tieres mit auffälligem Verhalten.

Dem Wolf wird unter Betäubung ein Halsbandsender angebracht. So kann der Aufenthaltsort des Tieres dann aus der Entfernung lokalisiert werden, ohne es durch direktes Aufsuchen/Sichtkontakt zu stören. In Sachsen dient die Methode z.B. zur Ermittlung der Größe, Lage sowie der räumlich-zeitlichen Nutzung eines Wolfsterritoriums. Sie liefert außerdem Erkenntnisse zu dem Abwanderungsverhalten junger Tiere, sowie zu Aktivitäts- und Ruhephasen des besenderten Tieres und ermöglicht einen besseren Einblick in dessen Ernährung, da die Reste gerissener Beutetiere gezielter nachgesucht und zeitnaher dokumentiert werden können.

Bei der Radiotelemetrie unterscheidet man zwischen zwei Techniken: VHF- und GPS-GSM-Sender. Der VHF-Sender gibt ein gleichmäßiges Funksignal ab, welches mittels eines Empfängers und einer Richtantenne aus mehreren Kilometern Entfernung lokalisiert werden kann. Die modernen Halsbandsender besitzen in der Regel neben dem VHF-Sender auch einen GPS-GSM-Sender, der den Aufenthaltsort des Tieres mittels Satelliten ortet und die Lokalisation per SMS über ein Modem an den Computer sendet. Bei dieser Technik entfällt der Aufwand zur Lokation des Signales mit einer Richtantenne im Gelände. Die weltumspannende Satelliten-Abdeckung ermöglicht eine uneingeschränkte Aufzeichnung der Wanderbewegungen, weshalb sich diese Technik zur Erforschung des Verhaltens von abwandernden Wölfen gut eignet. Dadurch können Informationen über die Wahl der Wanderroute, bevorzugte Aufenthaltsorte, mögliche Barrieren und ggf. Todesursachen von Wölfen, die das sächsische Wolfsgebiet verlassen, gewonnen werden.

Besenderte Wölfe

Zwischen 2003 und 2013 wurden im Freistaat Sachsen insgesamt 12 Wölfe mit einem Senderhalsband ausgestattet. Von diesen Wölfen wurden neun im Rahmen von Forschungsprojekten gefangen.

Im Winter 2003/2004 wurde die Neustädter Wölfin (FT1, „Sunny“) im Gebiet um Neustadt/Spree erstmals mit einem VHF-Halsbandsender ausgestattet. Die Besenderung erfolgte im Zuge der Fangaktion ihrer Hybridwelpen (s. Genetische Untersuchungen). Zwei Jahre lang lieferte sie Informationen über die Nutzung ihres Reviers, ihre Aktivität und Lebensweise.

Ende Dezember 2006 wurde unabsichtlich ein männlicher Wolfswelpe (MT1) in einer großen Kastenfalle eines Jägers gefangen. Der Jäger meldete den Vorfall an das LUPUS Institut, welches den Wolf mit einem VHF-Halsbandsender ausstattete. Der Sender lieferte jedoch nur knapp drei Monate lang Daten bis er ausfiel. Der Welpe war bis dahin noch in seinem Elternterritorium unterwegs. Seit Ausfall des Senders ist er verschollen.

karl_klIm Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) wurden 2009 und 2010 jeweils drei Wölfe im Rahmen einer mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit geförderten "Pilotstudie zur Abwanderung und zur Ausbreitung von Wölfen in Deutschland" mit GPS-GSM-Sendern ausgestattet. Das Pilotprojekt wurde im Sommer 2011 abgeschlossen.

Die Ergebnisse aus dieser Pilotstudie zeigen, dass Wölfe sich in Wald-, Heide- und Sukzessionsgebieten am sichersten fühlen. Menschliche Siedlungen, landwirtschaftliche Nutzflächen und Felder meiden sie und durchlaufen diese Gebiete meist nur in der Nacht. Trotzdem bieten die Ergebnisse der Pilotstudie erste Erkenntnisse zur Flexibilität der Wölfe in Bezug auf unterschiedliche Landschaften, sowie auf ihr Ausbreitungspotenzial in Deutschland.

Des Weiteren zeigt die Auswertung, dass Wölfe ihre Territorien in der hiesigen Kulturlandschaft ungleichmäßig nutzen. So haben sie innerhalb des Territoriums Gebiete die sie intensiver nutzen (z.B. zur Jagd oder zur Welpenaufzucht), sowie wenige bevorzugte Rückzugsgebiete in denen sie den Tag verbringen. Dazwischen liegende Flächen werden nur durchquert, ohne sich länger aufzuhalten, wobei dies dann meist Felder, landwirtschaftliche Flächen und Siedlungsbereiche sind. Die durchschnittliche Territoriumsgröße der besenderten adulten Wölfe betrug 203 km2 (MCP95*). Die Streifgebiete von jungen Wölfen können bzgl. Größe und Nutzung teilweise erheblich von denen adulter, territorialer Tiere abweichen.

Detaillierte Informationen zu der Studie finden Sie auf der Internetseite des BfN und in der Presseerklärung des BfN vom 27.10.2011, sowie in der Veröffentlichung „Abwanderungs- und Raumnutzungsverhalten von Wölfen (Canis lupus) in Deutschland – Ergebnisse einer ersten Telemetriestudie“ von Ilka Reinhardt und Gesa Kluth in Natur und Landschaft – Zeitschrift für Naturschutz und Landschaftspflege Ausgabe 6/2016, Seite 262 - 271.

Anfang des Jahres 2012 wurde ein Wolf als Ergebnis einer Managementmaßnahme mit einem Halsbandsender ausgestattet. Der Welpe aus dem Nochtener Rudel wurde am 04.12.2011 bei einem Verkehrsunfall verletzt und war anschließend eingefangen worden. Nach der Behandlung eines Schien- und Wadenbeinbruches kam der junge Wolf in die Quarantänestation im Naturschutz-Tierpark Görlitz e.V. Anfang Januar 2012 wurde er im Territorium seiner Eltern wieder in die Freiheit entlassen. Er erhielt die Bezeichnung MT5 ("Timo"). Weitere Informationen finden Sie hier.

Außerdem wurden 2012 und 2013 drei weitere Wölfe im Rahmen des Projektes "Wanderwolf" besendert. Dabei handelte es sich um zwei erwachsene Fähen, die jeweils bereits ein Territorium besaßen (Niesky und Dauban), sowie eine junge Fähe aus dem Milkeler Rudel, die im Laufe des Projektes abwanderte und ein eigenes Territorium gründete. Das Projekt „Wanderwolf“ wurde auf Grundlage einer Kooperationsvereinbarung zwischen dem Sächsischen Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) und der Projektgruppe „Wanderwolf“ bestehend aus der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW), dem Internationalen Tierschutz-Fonds gGmbH (IFAW), dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und dem World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF) durchgeführt. Die Kooperationspartner beteiligten sich zu gleichen Teilen an diesem Projekt. Das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland wurde 2012 durch die Kooperationspartner beauftragt, im Rahmen des Monitorings, die Wölfe mit den entsprechenden Halsbandsendern zu versehen und eingehende Daten zu erfassen und auszuwerten. Hier finden Sie mehr Informationen zu dem Projekt “Wanderwolf”.